In den Geschichtsbüchern in der Schule haben wir immer gelesen, dass die früheren Herrscherdynastien – also die Pahlavis, die Kadscharen, die Safawiden und so weiter – aus drei Hauptgründen untergegangen sind:
- Die Unfähigkeit des Schahs und des Hofstaats.
- Die Korruption des Schahs und der anderen hohen Beamten.
- Der Verrat anderer Länder und ihre Einmischung in die Angelegenheiten Irans.
Jetzt, wo ich über 30 Jahre auf dieser Welt bin, sehe ich genau diese drei Punkte – und sogar noch mehr – im aktuellen Regierungssystem. Das sind alles Faktoren, die zu einem Sturz führen können. Aber die große Frage lautet: ‚Ist das Ende nah?‘
Das Leben der Menschen im Nahen Osten ist untrennbar mit der Politik verknüpft. Während ein europäischer Bürger oft einen großen Bogen um Innen- und Außenpolitik macht und den Mund erst aufmacht, wenn die Politik sein Leben direkt beeinflusst, hat ein Iraner oder jemand aus dem Nahen Osten ein wahres Sammelsurium an unzähligen, oft zusammenhanglosen politischen und geopolitischen Daten im Kopf.
Fragst du einen Europäer oder Amerikaner: ‚Was ist ein NOTAM?‘, wird er dir wahrscheinlich keine richtige Antwort geben können. Aber es gibt kaum einen Iraner, der nicht weiß, dass dieses Wort eine Flugverbotszone und wahrscheinlich den Beginn eines militärischen Konflikts bedeutet.
Diese Flut an verstreuten Informationen führt oft dazu – zumindest habe ich das so beobachtet –, dass sich die Leute ohne wirkliches Fachwissen Analysen zusammenbasteln. Das Ergebnis? Ein paar richtige, aber meistens viele falsche Schlussfolgerungen und jede Menge kognitive Verzerrungen.
Wenn man sich mal mit den Leuten unterhält, ist man verblüfft über die Vielfalt und Zerstreutheit der Meinungen:
- Der eine glaubt, das aktuelle Regime müsse bleiben, damit die territoriale Integrität nicht verloren geht.
- Ein anderer ist strikt gegen einen militärischen Angriff durch ein fremdes Land und denkt, der Wandel (Transition) müsse von innen kommen.
- Wieder ein anderer befürwortet die Unterstützung durch die USA und das US-Militär, um sein Heimatland anzugreifen.
- Und noch einer denkt, der einzige Rettungsweg sei die Rückkehr des Prinzen aus dem Exil.
Man findet jedoch kaum jemanden, der glaubt, dass die aktuelle Regierungsstruktur und die quasi-diktatorische Führung im Iran in Zukunft noch funktional oder zielführend sein wird. Man findet kaum jemanden, der mit der aktuellen Lage auch nur ansatzweise zufrieden ist. Ehrlich gesagt: Die Umstände lassen Zufriedenheit gar nicht erst zu. Und wir alle – egal welcher Denkrichtung wir angehören – beschäftigen uns mit der Frage: ‚Ist das Ende nah?‘
Die Antwort auf diese Frage ist heute unklarer denn je und in einem dichten Nebel aus Emotionen gefangen. Während viele Faktoren den iranischen Bürger zu dem Schluss führen, dass die schiitischen Geistlichen die nächsten sechs Monate nicht mehr überstehen werden, halten ihn die historischen Daten im Kopf davon ab, dieses Fazit wirklich zu ziehen – und damit meine ich nicht die ferne Geschichte, sondern das, was er in den letzten 10 bis 15 Jahren hautnah miterlebt hat.
Keines der Bücher, die ich gelesen habe, keine der Meinungen, die ich gehört habe, und keine Geschichte, die ich studiert habe, helfen mir in dieser Phase weiter. Genau wie die Mehrheit der Menschen bin ich gefangen in einem Strudel aus Gefühlen: Wut, Trauer, Verzweiflung, Schutzlosigkeit und Verlassenheit.
Ich bin wütend über dieses Ausmaß an Grausamkeit und Blutvergießen durch die Regierung und ebenso über die schiere Menge an falschen Entscheidungen.
Ich bin traurig, wenn ich das Seufzen der Passanten auf den Gehwegen und vor den Schaufenstern höre.
Ich bin verzweifelt darüber, ob ich meine finanzielle Zukunft sichern oder jemals einen Ort erreichen kann, der der Menschenwürde entspricht.
In diesen Tagen habe ich keine Zuflucht außer beim Schöpfer. Manchmal verlangt mein Herz danach, es wie Ali ibn Abi Talib zu machen: Den Kopf tief in einen Brunnen zu stecken und mir lautstark alles von der Seele zu reden.
Letztendlich ist über die Jahre eine solche Lawine von Ereignissen auf mich niedergegangen, und ich habe so viele verschiedene persönliche und nationale Schicksalsschläge erlebt, dass ich glaube, mein Gehirn hat keine Kapazität mehr, sich mit neuen Katastrophen zu befassen. Es zieht es vor, einfach alles loszulassen.
Wenn ich nun auf all das zurückblicke – auf die politische Unfähigkeit, die gesellschaftliche Spaltung und diesen emotionalen Strudel –, wird mir eines klar: Wir befinden uns in einem historischen Wartesaal.
Vielleicht ist diese momentane Erschöpfung, dieses „Loslassen“, von dem ich sprach, gar kein Aufgeben. Vielleicht ist es eine Art seelischer Winterschlaf, um in dieser eisigen Realität zu überleben. Wir haben gelernt, mit der Unsicherheit zu tanzen, auch wenn die Musik längst aufgehört hat zu spielen.
Was bleibt, ist die Hoffnung – nicht die laute, naive Hoffnung von früher, sondern eine stille, widerstandsfähige Gewissheit: Dass kein Nebel ewig bleibt und keine Lawine unendlich rollt. Bis dahin atmen wir weiter. Schritt für Schritt. Tag für Tag.