Zehn Tage ohne Netz im Iran

Nach zehn Tagen der erzwungenen Isolation kehrt der Internetzugang in den Iran zurück – aber nur als Schatten seiner selbst. Die Wiederherstellung ist ein Lippenbekenntnis: stark gedrosselt, minutiös kontrolliert. Viele ausländische Dienste bleiben blockiert, VPNs sind nutzlos, und das Land verharrt in einer beunruhigenden digitalen Dämmerzone.

Diese erzwungene Funkstille hat für mich, einen Online-Deutschlehrer, unmittelbare und drastische Konsequenzen. Ähnlich wie während des zwölftägigen iranisch-israelischen Konflikts im vergangenen Jahr, bedeutete diese Abschaltung faktisch den kompletten Jobverlust. Die finanziellen Einbußen sind gravierend, doch die psychische Belastung, die damit einhergeht, wiegt noch schwerer.

Abgesehen von den ersten beiden Tagen der Eskalation – Donnerstag, der 8., und Freitag, der 9. Januar 2026 – gab es offiziell kaum noch Meldungen über Straßenunruhen. Dennoch erkannten die Entscheidungsträger offenbar die Gelegenheit: Durch das vollständige Abtrennen aller Kommunikationskanäle – selbst SMS waren sechs Tage lang nicht möglich – wurde maximale Kontrolle ausgeübt. In dieser Blackout-Periode wurden schwere Gewalttaten und Schäden offenbar bewusst verschleiert, während der Kontakt der Beteiligten untereinander und zur Außenwelt gekappt wurde.

Als normaler Bürger, vielleicht nur eine Randfigur im Getriebe dieses totalitären Systems, stehe ich nun zwischen zwei Polen. Einerseits dominiert die Wut über den beruflichen Stillstand und den damit verbundenen, schmerzhaften Einkommensverlust, da mir viele meiner Schüler abhandengekommen sind. Andererseits zwingen mich die Schrecken, die ich an diesen ersten beiden Tagen miterlebt habe, zu einer tiefgreifenden Reflexion: Ist der Erhalt der Arbeit wirklich den Verlust der eigenen körperlichen Sicherheit auf offener Straße wert?

Das Ausmaß der Brutalität, die sich auf den Straßen entfaltete – von beiden Seiten, Demonstranten wie Sicherheitskräfte – kannte ich sonst nur aus Filmen und Dokumentationen über die syrischen Unruhen. Die Vorstellung, dass ein Passant hinter seiner Wohnungstür durch einen Messerstich oder einen Schlagknüppel getötet wird, um sich in die Reihe der Todesopfer einzureihen; dass ein Sicherheitsbeamter lebendig verbrannt wird; oder dass regierungsnahe Paramilitärs wahllos auf Unbeteiligte feuern – all dies führte während der Kommunikationssperre dazu, dass ich mich zu Hause verbarrikadierte und meine Sorge um Familie und Freunde ins Unermessliche stieg.

In diesen Tagen helfe ich meiner Frau, wenn auch nur heimlich, im Taxi aus, während mein Körper unter den Schmerzen einer vor Kurzem erlittenen Rückenoperation leidet. Meine Ersparnisse sind fast aufgebraucht, und die Möglichkeit, überhaupt wieder online als Lehrer tätig zu sein, ist momentan gering. Die Bilanz dieser Kette von Unruhen, Protesten und den Aufrufen iranischer Exilanten gegen die außer Kontrolle geratene Inflation ist für mich ernüchternd: eine direkte und massive Verschlechterung meiner Lebensgrundlage und meiner Gesundheit.


Update – 8 Tage später

Acht Tage sind seit dem Schreiben dieses Textes vergangen. Der Zugang zum Internet ist weiterhin extrem eingeschränkt; faktisch erleben wir alle ein Intranet – etwas, das stark an das chinesische System erinnert. Von offenen Unruhen ist nichts zu sehen, doch nahezu im Minutentakt erreichen uns Nachrichten über die Festnahme von Demonstrierenden und sogenannten „Unruhestiftern“.

Offizielle Stellen des Regimes haben die Zahl der Todesopfer jener zwei höllischen Tage wie folgt bekannt gegeben: Insgesamt sollen landesweit 3.117 Menschen ums Leben gekommen sein. Davon 2.427 staatliche Sicherheitskräfte und Zivilisten (eine genaue Trennung zwischen Zivilbevölkerung und Militär wurde nicht veröffentlicht) sowie 690 Demonstrierende. Diese Zahlen – die in krassem Widerspruch zu den Angaben persischsprachiger Exilmedien stehen – sind unter den Bedingungen massiver Informationsunterdrückung kaum verlässlich. Sicher ist nur eines: In nahezu jeder Ecke des Landes trägt jemand Trauer um einen oder mehrere Menschen.

Und dann ist da noch Trump, dieser abartige Hurensohn: Er hat den Druck auf Iran massiv erhöht und fast seine gesamte Flotte in den Persischen Golf geschickt – eine klare Machtdemonstration, ein Versuch, die Regierung einzuschüchtern und zu seinen Bedingungen zu zwingen. Diese Eskalation hat die globale Unsicherheit noch verstärkt: Der Goldpreis ist um mehr als 5.000 US‑Dollar pro Unze in die Höhe geschnellt, und eine allgemeine Welle von Nervosität und Angst hat sich über das ganze Land gelegt.

In dieser Zeit habe ich versucht, sämtliche technischen Voraussetzungen für meine Kurse eigenständig auf meinen eigenen Servern und Webseiten umzusetzen. Doch so kann es nicht weitergehen. In den letzten 18 Tagen habe ich Einnahmen verloren, die fast fünf Monatsgehältern entsprechen, und während ich diese Zeilen schreibe, habe ich keinerlei Ersparnisse mehr. Gestern konnte ich immerhin wieder einen Kurs durchführen, und ich hoffe, dass meine Schüler*innen nach und nach zurückkehren werden. Mein psychischer Zustand ist derzeit alles andere als stabil, und entsprechend hat auch meine körperliche Gesundheit darunter zu leiden begonnen.